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Brustkrebs: Erlebt und aufgeschrieben von Barbara Luszcz.

Im Krankenhaus.

Montag, 30. Juni 2003

Wir mussten um 6:30 Uhr in der Klinik sein. Reinhard lieferte mich dort ab, und dann war ich allein in meinem Zimmer. Dort lagen das OP-Hemd und die Thrombosestrümpfe, die ich anziehen musste. Dann passiert erst mal gar nichts. Gegen 7:30 Uhr kam eine Schwester. Ich sollte noch mal zur Toilette gehen (wovon nur?) und mich dann im Behandlungszimmer melden. Dort traf ich den Professor, der mich an der Brust und im Rücken mit Edding anmalte, eine Kommunikation fand diesen Morgen nicht statt. Dann zurück ins Zimmer und die Beruhigungspille nehmen. Danach durfte ich nicht mehr aufstehen und wurde kurz danach von zwei Schwestern in den OP-Bereich gefahren. Mein größtes Problem war, dass meine Zähne evtl. verloren gehen und ich bat Schwester Michaela, unbedingt darauf aufzupassen und sie mir nach der OP wieder zukommen zu lassen. Dann kam der Anästhesist, sprach ein paar freundliche Worte, legte mir die Infusion...

...auf der Wachstation bin ich gegen 11:30 Uhr wieder aufgewacht, aber wohl nur kurz. Eigentlich wollte ich meine Zähne gleich wieder haben, das wurde aber auf später verschoben. Gegen 15:00 Uhr hatte ich ausgeschlafen. Es herrschte ein Kommen und Gehen auf der Wachstation und mir war langweilig. Meine Zähne hatte man mir freundlicherweise wieder gegeben, zu essen bekam ich noch nichts. Für den Durst fand sich auf der Station noch ein Teebeutel Roibuschtee, den man mir brühend heiß brachte mit dem Hinweis, diese Schnabeltasse voll muss für die nächsten Stunden reichen.

Mir war einfach nur langweilig. Keine Zeitung, kein Radio. Deshalb durfte ich Reinhard anrufen, damit er mir ein paar bunte Blätter mitbringen kann, wenn er mich besucht. Ich möchte heute noch gern sein Gesicht sehen, als ich ihn angerufen habe. Ihm sind wahrscheinlich Tonnen von Steinen vom Herzen gefallen, als er meine Stimme hörte. Und natürlich hatte er bei seinem Besuch mindestens vier bunte Blätter mit. Inzwischen war ich aber auch von den Schwestern der Wachstation mit Zeitungen und einem Walkman vorsorgt worden. Ich will nicht behaupten, dass ich durchgehend wach war, aber ich hatte viele wache Phasen und habe mich natürlich über Reinhards Besuch um 18:00 Uhr sehr gefreut. Inzwischen hatte ich auch Hunger, aber das half nichts. Den Tee habe ich mir mühsam eingeteilt. In der Nacht gab es noch eine zweite Schnabeltasse voll. Man hatte mir schon gesagt, dass ich die Nacht auf der Wachstation verbringen müsse. Meine Schwester Bettina schlug noch abends um 20:00 Uhr auf.

Die Wachstation hat den Namen zu Recht, so richtig bin ich dort nicht zur Ruhe gekommen. Entweder piepste irgendein Apparat, oder der Blutdruckmesser pumpte sich auf, dann stöhnte die Frau gegenüber oder die Schwester kam zum Blutabnehmen. Morgens kam der Professor, um sich „sein Werk“ anzusehen. Er meinte, dass es doch sehr gut aussehen würde und die kleine Beule würden wir später richten. Dann entschwand er wieder und ich bekam ein Tablett mit Frühstück.

Welche Freude! Ein ausgetrocknetes Schwarzbrot(!) wellte sich auf dem Teller, begleitet von einer ausgetrockneten Scheibe Käse (ohne Marmelade). Aber wenn man Hunger hat… Gegen 9:00 Uhr kam ich wieder auf Station. Und dann kehrte Ruhe ein und ich konnte endlich schlafen. Dies hatten mir die Stationsschwestern, die mich abholten, aber auch prophezeit. Und dann wartete ich auf Reinhard, der gegen Mittag kam. Froh, dass er überhaupt kommen konnte. Er hatte den ganzen Morgen auf und über der Toilette verbracht, er sah wirklich mitgenommen aus. Aber er hatte die Telefonkarte mitgebracht, damit mein Telefon aktiviert werden konnte. Schwester Anne brachte mir dann den Speiseplan und erklärte uns den Ablauf der Mahlzeiten. Mittagessen bekam ich auch, war noch ein bisschen beschwerlich. Den Dienstag habe ich komplett im Bett liegend verbracht.

Die Chef-Visite fand immer morgens um 7:15 Uhr statt, außer Sonntags. Also stellte ich mir den Wecker auf 6:30 Uhr. Am Mittwochmorgen gab es noch eine Katzenwäsche, aber die Wimpern konnte ich mir schon tuschen, und Lippenstift trug ich auch auf. Dann kam der Professor und meinte, ich sollte mal aufstehen. Gut gesagt, links drei Drainagen, die am Bett festgeklebt waren und rechts noch der Katheter. Den fand der Professor allerdings übertrieben „bei so einer jungen Frau“. Seiner Meinung sah das alles schon gut aus und dann ging er wieder. Den Katheter wurde ich dann auch los und musste dann selbst zur Toilette gehen.

Vormittags kam die Krankengymnastin und erzählte mir dann, auf was ich mich da eingelassen hätte. Durch die Entfernung einiger Lymphknoten ist der Lymphabfluss gestört. Das bedeutete, dass ich zukünftig, und zwar für immer, vorsichtig sein muss, mich vor Verletzungen schützen muss und mich zukünftig nicht mehr überanstrengen darf. Keine schweren Lasten tragen und Fensterputzen ist auch geknickt. So etwas erfährt man erst nach der OP. Die ganzen Erklärungen gab es auch noch schriftlich, damit ich es nicht vergesse. Dann übten wir das Aufstehen und die ersten Schritte um das Bett. Als das einigermaßen klappte, gingen wir noch ein Stück auf dem Flur entlang. Die Beutel von der Drainage steckte ich in einen Thrombosestrumpf. Wir gingen bis zum Schwesternzimmer und ich konnte das Raucherzimmer schon sehen. Ich konnte Frau Diehl allerdings nicht überreden, mit mir dort hin zu gehen. Das habe ich dann nachmittags mit Reinhard erklommen und die erste Zigarette nur gepafft, die zweite schmeckte dann schon.

Ein Glück, dass das Raucherzimmer auf meiner Station war und ich somit auf Treppensteigen noch nicht angewiesen war. Abends übte ich den Gang zum Raucherzimmer schon allein und es klappte schon ganz gut. Das Raucherzimmer war wirklich der vernachlässigste Raum auf der Station. Aber es war ja Sommer und das Fenster stand den ganzen Tag auf. Und so trafen sich auch andere Patientinnen von der Station und man kam ins Erzählen. So gesehen, ersetzt das Raucherzimmer jede Selbsthilfegruppe. Es kamen selbst Nichtraucher dahin, weil Raucher halt kommunikativer sind und man immer jemanden zum Reden findet.

Und so traf ich auch Gaby, die am Mittwochabend einrückte. Sie wurde Donnerstagmorgen operiert und hat die erste Zigarette gleich abends wieder probiert.

Inzwischen war Reinhard auf dem Amt gewesen, hatte die Aufnahmebestätigung des Krankenhauses abgegeben und meinen Kollegen den bisherigen Ablauf erzählt. Er hatte auch meine Telefonnummer da gelassen, und ich erhielt Anrufe von meinem Stellenleiter, dem Abteilungsleiter und meiner Kollegin Alice, die mit mir unbedingt einen Besuchstermin verabreden wollte. Da ich ja 10 Tage im Krankenhaus bleiben musste, verabredeten wir uns für die nächste Woche. Außerdem hat Reinhard noch unsere Nachbarn im Haus (wir sind wie eine große Familie) informiert. Sie waren alle völlig erschrocken. Inge hatte sogar mitgekriegt, dass ich noch die Treppe gemacht hatte. Auch sie rief mich natürlich an und wollte mich unbedingt besuchen. Sie hatte vor vielen Jahren selbst einen Knoten in der Brust und wurde damals auch in diesem Krankenhaus operiert.

Am Donnerstagmorgen erhielt ich die gute Nachricht, dass der Tumor vollständig entfernt wurde und keiner der Lymphknoten befallen war. Na also, alles halb so schlimm und alles wird gut. An diesem Tag hatte ich auch eine Untersuchung in einer auswärtigen Praxis, zu der ich mit der Taxe gefahren wurde. Da keine Zeit mehr für die Zigarette nach dem Frühstück war, durfte ich im Taxi eine rauchen. Für das Knochenszintigramm und das Lungenröntgen war ich den kompletten Vormittag unterwegs. Aber auch bei diesen Untersuchungen war alles gut, es wurden keine weiteren Metastasen festgestellt.

So gesehen, hatte ich mal wieder Glück gehabt. Deshalb entschied Reinhard, am Donnerstag meine Familie zu informieren. Das braucht eigentlich nur einen Anruf in Berlin und einen in Essen. Innerhalb dieser beiden Städte funktioniert der Rundruf bei den anderen. Außerdem hat er noch TUrsel in Hildesheim angerufen. Und dann klingelt mein Telefon im Krankenhaus Sturm. Wenn ich zwischen den Zigaretten mal im Zimmer war, hing ich nur am Telefon. Aber ich konnte insgesamt ja nur positive Nachrichten weitergeben. Allerdings wusste ich bald keine Antwort mehr auf die Anfangsfrage: „Sag’ mal, was machst Du denn für Sachen“.

Am Freitag hatte ich vormittags einen Termin zum Herzecho auf dem Gelände des Nordstadtkrankenhauses. Dazu musste ich das erste Mal raus und über die Straße. Die Schwestern hatten mir meine Krankenakte in die Hand gedrückt und losgeschickt. Da noch Zeit war, habe ich mir erst mal bei einer Zigarette meine Akte in Ruhe durchgelesen. Ich bin allerdings Fahrstuhl gefahren, denn ganz so fit war ich ja doch noch nicht.

Inzwischen war ich zwei Drainageschläuche los, nur die dritte Drainage hörte nicht auf. Die Morgenwäsche fand am Waschbecken im Zimmer statt, Duschen war noch nicht angesagt. Das Haare waschen habe ich mit Reinhards Hilfe auch am Waschbecken vollzogen. Tagsüber zog ich mich an und übte meine Kondition mit Treppesteigen und Spazierengehen zusammen mit Reinhard. Dazwischen musste ich mal eine rauchen und so vergingen die Tage. Ich war zwar in einem Zweibettzimmer, aber bis auf einen Vormittag in der zweiten Woche hatte ich keine weitere Mitpatientin. Die Raucherinnen trafen sich auch abends noch auf eine Gute-Nacht-Zigarette, manchmal wurde es ganz schön spät. Ich hatte mir zwei Bücher mitgenommen, ein Buch habe ich knapp geschafft.

Der Tag war also ausgefüllt, ich erholte mich zusehends. Die ersten drei Nächte reichten mir auch nur ein Schmerzzäpfchen, doch dann reichten die auch zusammen mit Schmerztropfen nicht mehr aus. Es war, als ob jemand mit einem Messer in meinem Rücken herumrührt. Nach Rücksprache mit dem diensthabenden Oberarzt bekam ich dann eine leichte Form vom Morphium und so konnte ich gut schlafen. Dieses Medikament benötigte ich zwei Nächte, danach ging es wieder besser. Ach ja, die Oberärzte. Als Privatpatient hatte ich Anspruch auf eine Visite am Abend. Manchmal war ich auch da. In der Rechnung kann man nachlesen, dass ich an einigen Abenden nicht angetroffen wurde (weil im Raucherzimmer!).


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Aktualisiert am: 2017-03-01; 19:27:34
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