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Brustkrebs: Erlebt und aufgeschrieben von Barbara Luszcz.

Nun doch Chemotherapie?

Und dann lag Samstagmittag die Einverständniserklärung über das Einsetzen eines Port auf meinem Tisch. Der Port sollte am Dienstag eingesetzt werden. Wie jetzt? Wieso Port? Wofür ist der gut? Schon wieder eine OP? Wieso eine Chemotherapie, es ist doch alles gut?

Es traf sich, dass die Oberärztin Zeit hatte. Reinhard war da und sie klärte uns in einem längeren Gespräch darüber ausführlich auf. Der Tumor war mit 3,5 cm und G2 zu groß, um auf eine Chemotherapie zu verzichten. Nach allen Studien ist bei dieser Konstellation eine Chemotherapie und eine anschließende Bestrahlung die sicherste Methode, um eine Wiedererkrankung auszuschließen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war doch alles gut. Die Oberärztin hatte natürlich auch die Einverständniserklärung über die Chemotherapie mit, die Nebenwirkungen erläuterte sie uns ausführlich. Und sie gab zu, dass bei dieser Chemo die Haare, und zwar alle, ausfallen werden.

Abgesehen von den 1½ Seiten sonstiger Nebenwirkungen war das für mich das größte Problem. Es konnte mich keiner zu einer Chemotherapie zwingen. Wenn ich mich dagegen entscheide, hätte ich ein 5% höheres Risiko, wieder an Krebs zu erkranken. Sollte ich für diese geringe Prozentzahl das Risiko mit allen Nebenwirkungen auf mich nehmen? Ich war doch bisher ein Glückskind, warum sollte das jetzt nicht auch so sein. Der Tumor war doch schließlich draußen. Reinhard hat mich in meiner Entscheidung nicht beeinflusst. Er hat nur die Prozentzahl genannt und sich sonst neutral verhalten. Auch er stand dieser Situation irgendwie hilflos gegenüber. Er hatte sich über das Internet sowieso wesentlich intensiver mit dem Thema Brustkrebs befasst als ich. Aber er betonte immer wieder, dass es allein meine Entscheidung sei, wir aber alles gemeinsam durchstehen werden. Das half mir allerdings auch nicht weiter.

Natürlich war dies auch Thema im Raucherzimmer. Gaby hatte ihr Ergebnis noch nicht, meinte aber, dass sie sich für eine Chemo entscheiden würde, wenn es bei ihr auch notwendig ist. Ihre größte Sorge war aber die Übelkeit, weniger der Haarausfall. Die Entscheidung konnte mir niemand abnehmen. Ich sprach mit mir vertrauten Schwestern, die aufgrund ihrer Erfahrungen überwiegend natürlich für eine Chemo waren. Wenn ich morgens aufwachte, war ich für „hopp oder topp“, ich mache keine Chemo und alles wird gut gehen, aber ich war mir noch nicht sicher. Mein Professor war dann bei der Visite nicht erfreut, dass ich noch keine abschließende Entscheidung getroffen hatte.

Um mir noch eine andere Meinung einzuholen, hatte ich einen Termin bei meinem Hausarzt vereinbart. Ich bekam Urlaub und fuhr mit Reinhard dorthin. Nun ist unser Hausarzt kein Krebsspezialist und er war zunächst auch für eine Chemotherapie. Nach dem Argument mit den 5% kam auch er ins Grübeln und rief einen Onkologen (Dr. Mao) an, der auch gleich für uns Zeit hatte. Ich hatte das Operationsprotokoll und die Ergebnisse vom Krankenhaus mitbekommen, die sich der Onkologe auch durchlas. „Sie sind noch zu jung, der Tumor war zu groß, eine Chemotherapie ist erforderlich“. Das war nicht das, was ich hören wollte. Er zeigte uns dann aber noch einen Port und somit hatte ich zumindest eine Vorstellung von dem Teil, was man mir einsetzen wollte. Aus der Zeichnung auf der Einverständniserklärung konnte ich mir dazu kein ausreichendes Bild machen.

Nun hatte ich also zwei weitere Meinungen, konnte aber immer noch keine Entscheidung treffen. Wieder im Raucherzimmer saß ich mit Gaby und ihrem Mann zusammen und wir sprachen darüber. Gaby hatte inzwischen auch eine Empfehlung für eine Chemotherapie und hatte sich dafür entschieden. Es tauchte eine weitere Frau im Raucherzimmer auf, die noch schnell eine Zigarette rauchen wollte und unser Gespräch mitbekam. Sie schaltete sich ein und erzählte uns, dass sie vor knapp einem Jahr auch hier auf der Station war. Es wurde bei ihr eine Brust amputiert und auch die Lymphknoten waren befallen. Sie hatte die Chemo bereits überstanden, die Haare waren wieder die eigenen und die Brust war inzwischen wieder aufgebaut. Sie meinte, dass die Chemo durchaus zu überstehen ist, sie wäre das blühende Beispiel dafür. Man müsse nur positiv an die Sache herangehen. Nun hatte ich das erste Mal jemanden kennen gelernt, der eine Chemo überstanden hatte. Sollte das vielleicht doch nicht so schlimm sein? Wenn 48.000 Frauen jährlich an Brustkrebs erkranken, brauchen doch genau so viele auch eine Chemotherapie. Und dass die Haare wieder wachsen, hatte bisher jeder bestätigt.

Na gut, wenn es dann sein soll. Ich ging auf die Station und teilte Schwester Michaela mit, dass ich mich doch für die Chemotherapie entscheiden werde. Danach ging ich im Krankenhaus Richtung Onkologie in die Abteilung, in der die Chemotherapie durchgeführt wurde. Dort lag auch diverses Material zu diesem Thema aus, mit dem ich mich dann versorgte. Ich wurde von einer Schwester dort angesprochen und ziemlich unfreundlich aus dieser Station verwiesen. Ich ging vor die Tür, um eine zu rauchen und traf wieder auf die Frau aus dem Raucherzimmer, die mit ihrer Therapie fertig war. Sie hieß Erika und drückte mir ihre Visitenkarte in die Hand (Handlesen-Pendeln-Tarot-Karten). Sie schaute mir in die Augen und meinte, ich hätte so lebendige Augen, ich würde das schaffen. Auch wenn ich von so was nicht viel halte, bestätigte sie mich in meiner Entscheidung. Der Termin für den Einsatz des Port war nun allerdings verstrichen, das konnte erst nach der Entlassung ambulant vorgenommen werden.


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Aktualisiert am: 2017-03-01; 19:30:05
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