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Brustkrebs: Erlebt und aufgeschrieben von Barbara Luszcz.

Die Perückenschau, Teil 2

Juli 2003

Für den Nachmittag stand der Termin im Perückengeschäft an. Reinhard hatte es von vorne herein abgelehnt, mitzukommen. Da sich Alice und ihre Schwester schon angemeldet hatten, fuhr er mich in die Lister Meile. Ich war kurz vor 16:00 Uhr da und sah mir die Perücken im Schaufenster an. Die Auswahl sagte mir wesentlich mehr zu als beim Friseur. Die eine auf dem Ständer gefiel mir recht gut, sie war vielleicht etwas dunkel, hatte aber hellere Strähnen. Gaby und ihr Mann kamen dazu, Alice und ihre Schwester kamen dann auch. Mit fünf Personen „überfielen“ wir den Laden. Frau Hirsch schien sehr überrascht, wir erklärten ihr die Situation.

Ich kam als Erste „auf den Stuhl“ und Frau Hirsch griff zielsicher zu der Perücke im Schaufenster, mit der ich mich bereits angefreundet hatte. Die Haare waren kürzer als damals meine eigenen, aber der Schnitt sagte uns allen zu. Frau Hirsch bot an, noch eine andere Farbe zu bestellen, damit war meine Angelegenheit schon erledigt. Dann war Gaby dran. Ihre eigenen Haare waren gut mittellang, sehr dick und hellblond, sie trug einen Pony. Wir stöberten alle durch den Laden und fanden eine mittellange Perücke, allerdings in rot, aber mit fast dem gleichen Schnitt wie ihre eigenen Haare. Selbst wenn die Perücke aufgrund der vorhandenen eigenen Haare noch nicht richtig saß, fanden wir sie alle toll. Gaby zwar auch, aber sie musste noch eine Nacht darüber schlafen. Sie wollte auch noch den Termin beim Friseur am Klagesmarkt wahrnehmen, den sie am Samstag hatte. Damit war auch der Programmpunkt erledigt, ich fuhr zum vorläufig letzten Mal mit der U-Bahn nach Hause.

Am Wochenende überlegten wir uns, wie wir meine Arbeitszeit den veränderten Gegebenheiten anpassen konnten. Da ich aufgrund der Chemo nun doch gefährdet war, verlegte ich meine Arbeitszeiten außerhalb der Publikumszeiten. Mein Teammitglieder und auch mein Stellenleiter waren mit meinem Vorschlag einverstanden. So begann ich montags, donnerstags und freitags erst um 12:30 Uhr, dienstags war mein Tag kurz vor 15:00 Uhr zu Ende, mittwochs hatte ich so gesehen keine Einschränkungen. So konnte ich zumindest an drei Tagen in der Woche morgens ausschlafen und in Ruhe frühstücken. Aber mein Feierabend verschob sich natürlich auch nach hinten, aber das Amt war bis 20:00 Uhr geöffnet. Am Anfang hatte ich das Trauma, dass die den Laden eher zuschließen und ich nicht mehr raus komme. Reinhard brachte mich jeden Tag morgens bzw. mittags hin und holte mich jeden Tag wieder ab. Außerdem sorgte er auch noch dafür, dass abends das Essen auf dem Tisch stand. Außerdem hatte ich die Termine für Krankengymnastik und Lymphdrainage auch in meine arbeitsfreien Zeiten gelegt. Also richtig Zeit hatte ich die nächsten Wochen nicht wirklich.

Da in meiner Rückenwunde immer noch Wundwasser nachlief, war für Montagnachmittag wieder ein Termin beim Professor angesagt, der wieder einige ccm punktierte.

Am Dienstag, den 29. Juli habe ich meine Perücke abgeholt. Diesmal kam Reinhard mit, die etwas hellere Farbe gefiel uns beiden gut. Somit war sie gekauft, dazu noch das notwendige Zubehör wie Spezialbürste, Shampoo, Balsam und Spezialspray sowie eine Anleitung zu der Pflege. Das „Haare waschen“ fand zukünftig im Waschbecken statt. 10 Minuten Shampoo, 10 Minuten Spülung, aber über Nacht trocknen. Dafür aber nicht jeden Tag, wie es bei den eigenen Haaren erforderlich war. In dem Gesamtpreis von 557,00 € war die Anpassung nach dem Haarausfall enthalten.

Abends traf ich mich mit meinen Teamkollegen im Waterloo-Biergarten. Ich fühlte mich körperlich sehr gut. Aber die Hygiene beim Gläserspülen dort ließ in mir leichte Zweifel aufkommen und ich beschloss, dass solche Lokalitäten in der nächsten Zeit für mich tabu sind. Trotzdem war es ein netter Abend und Alice brachte mich mit dem Auto nach Hause. Der Mittwoch enthält irgendwie keine Eintragungen, war wohl ein ganz normaler Tag. Für Donnerstagvormittag stand wieder eine Blutabnahme an.

Außerdem mussten Gaby und ich uns irgendwie auf die Zeit ohne Haare vorbereiten. Tagsüber würden wir sicherlich mit Perücke herumlaufen, aber wie lebt man damit zu Hause? Meine Nachbarin Inge hatte sich angeboten, mit uns einen „Tücherbindekurs“ zu machen. Sie ist künstlerisch begabt und wollte mit uns einige Techniken ausprobieren. Deshalb kam Gaby pünktlich um 10:00 Uhr zu uns, ich war natürlich noch einkaufen.

Inge hatte sich professionell auf ihre Aufgabe vorbereitet und kam mit einem Tuch nach Türkenart bekleidet an. Sie brachte einige Broschen und Clips mit. Gaby hatte ihre eigenen Tücher mitgebracht, ich hatte meinen Schrank auch ausgeräumt. In unserem engen Flur hängt ein großer Spiegel, Gaby und ich setzten uns auf Stühlen davor, Inge zwängte sich dahinter. Dann versuchten wir beide mit unseren lahmen Armen (eine Seite tat weh wegen der entfernten Lymphknoten, die andere wegen des eingesetzten Port) die Tücher irgendwie zu binden. Und wir wussten beide, dass die kommende Zeit nicht einfach werden würde. Auch Inge empfand für uns beide großes Mitleid und Trauer speziell um Gabys schöne Haare. Und für mich entwickelte sie „mütterliche Gefühle“, wie sie später immer wieder sagte. Bei der anschließenden Zigarette haben Gaby und ich dann das „Du“ eingeführt.


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Aktualisiert am: 2017-03-01; 19:52:48
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